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Nachhaltige ETF: Der Grund, warum ich nicht investiere

Möchtest du die Welt in einem besseren Zustand hinterlassen, als du sie vorgefunden hast?

Für mich kann ich die Frage bejahen. Mir ist eine nachhaltige Lebensweise wichtig. Dafür verzichte ich auf unnötigen Konsum, fahre viel Rad, esse wenig Fleisch und versuche, meinen Mitmenschen empathisch und hilfsbereit zu begegnen. Bei all dem möchte ich ein gutes Vorbild für meine Kinder sein. Doch mein Geld lege ich derzeit nicht in nachhaltige ETF an.

Für das Juniordepot meiner Kinder habe ich einen ETF auf den MSCI All Country World Index gewählt. Hier sind große und mittelgroße Unternehmen aus Industrie- und Schwellenländern enthalten, gewichtet nach Marktkapitalisation. Die ESG-Kriterien der Nachhaltigkeit basierend auf den drei Säulen Economics (Umwelt), Social (Soziales) und Governance (Unternehmensführung) spielen bei dem Index keine Rolle.

Mache ich die Welt ein Stückchen besser, wenn ich stattdessen einen nachhaltigen ETF wähle, der nur in Unternehmen investiert, die den ESG-Kriterien entsprechen? Auf diese Frage habe ich für mich eine Antwort gefunden. Doch der Weg dahin war nicht einfach. Ich muss zuerst meine eigenen Werte kennenlernen.

Die ESG-Kriterien für ETFs sind angreifbar

Es gibt keinen Standard, nach dem die drei Säulen berücksichtigt und gewichtet werden sollen. Manche Index-Anbieter gewichten Sozialaspekte höher, andere Umweltaspekte. Sehe ich mir den ESG-Index des Finanzdienstleisters STOXX an, stehen die Unternehmen EDF, SIGNIFY und ON SEMICON auf den Top-3 Plätzen. Bei MSCI stehen Microsoft, Procter & Gamble und NVIDIA ganz oben. Welcher Index trifft nun meine Werte eher?

Schnell wird mir klar: Ich muss in Einzelaktien investieren, anstatt in einen nachhaltigen ETF mit einem fertigen Katalog der Finanzdienstleister.

Derzeit gibt es widersprüchliche Studien dazu, ob eine nachhaltige Geldanlage in einen ETF mit ESG- Kriterien tatsächlich mehr Rendite bringt. Dafür gibt es die Anlageform noch nicht lange genug. Der Index MSCI World ESG, auf denen viele ETFs basieren, wurde erstmals 2007 aufgelegt. Die Kriterien ändern sich immer wieder mal. Jedenfalls macht ein nachhaltiger ETF die Geldanlage weniger divers und riskanter, denn Diversifikation hilft ja bei der Risikostreuung.

Wenn ich überzeugt wäre, die Welt damit besser zu machen, sollte ich meiner Meinung nach nicht auf die Nachkommastelle bei der Rendite sehen.

Doch das bin ich nicht.

Mir geht viel mehr ein Buch von Andre Comte-Sponville, das ich vor Jahren gelesen habe, nicht aus dem Kopf:


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Nachhaltige ETF: Kann der Kapitalismus moralisch sein?

Um diese Frage zu beantworten, stellt der Autor 4 verschiedene Bereiche vor, die unabhängig voneinander ihre eigenen Regeln besitzen:

  1. Wissenschaft, Technik und Wirtschaft
  2. Politik und das gesetzliche Regelwerk
  3. Moral bzw. unsere Werte
  4. Ethik bzw. die Liebe

Diese Bereiche können sich beeinflussen. So beeinflussen die Werte unserer Gesellschaft die Gesetzgebung. Die Gesetze wiederum regeln den Handel oder die Forschung. Zum Problem wird es nur, wenn die Regeln, die für einen Bereich gelten, einem anderen aufgezwungen werden. Comte-Sponville spricht dabei wortwörtlich von „Tyrannei“.

Mit folgenden Beispielen wird das Konzept klarer:

  • Geld ist ein hervorragendes Tauschmittel im Bereich Wirtschaft. Für die vierte Ordnung jedoch, die Liebe, ist es nutzlos. Wahre Liebe lässt sich nicht mit Geld bezahlen. Wer das versucht, zwingt der Liebe die Regeln der Wirtschaft auf. Das ist unmenschlich.

  • Arbeitslos zu sein und das geringe Selbstwertgefühl, das die Arbeitslosigkeit bei vielen auslöst, ist keine schöne Erfahrung und es wäre gut, wenn dies nicht viele Menschen erleben müssten. Doch welche Folgen hat es für den Betrieb, wenn es verboten wird, Leute zu entlassen? Bei einem Wirtschaftsabschwung könnte die übergroße Belegschaft nicht mehr entlohnt werden. Das Unternehmen würde in Konkurs gehen und es gäbe keinen Arbeitgeber mehr.

  • Auch wenn es für manche moralisch schwer zu akzeptieren ist, dass ein Elternteil die eigene Familie verlässt ohne Abschiedswort, so ist es doch nicht verboten. Nicht alles, was nicht moralisch ist, können wir verbieten.

Bei diesen Beispielen wird schnell klar, dass es nicht lange gut gehen kann, wenn die Regeln eines Bereichs auf einen anderen angewendet werden.

Doch was hat das zu tun mit nachhaltigen ETFs?

Die EU ist starker Befürworter von nachhaltigen ETF

Nachhaltige Investments erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Eine neue EU-Vorgabe soll den Trend befeuern mit dem „Aktionsplan: Finanzierung nachhaltigen Wachstums“. Sie nimmt die Finanzbranche in die Pflicht.

Eine der vielen Maßnahmen sieht vor, dass Berater in Zukunft gezielt ihre Klienten fragen müssen, ob sie an einer nachhaltigen Anlage interessiert sind. Wahrscheinlich werden das nur wenige Privatanleger so direkt gefragt verneinen.

Unternehmen müssen umfassend berichten, ob sie den ESG-Kriterien auch tatsächlich entsprechen. Der Anforderungskatalog auf Basis der UN-Nachhaltigkeitsziele und dem Pariser Abkommen ist gewaltig. Eine Heerschar an Anwält*innen und Unternehmensberater*innen wollen für die Erstellung der Berichte entlohnt werden.

Politiker mit sicherlich den besten Absichten wenden die Regeln der Moral an auf Unternehmen und Privatanleger. Genau das hat mich persönlich an das Buch erinnert. Ich zweifle, dass sich so die Welt verbessern lässt, vielmehr entstehen dadurch unbeabsichtigte Folgen.

Sind kleine Unternehmen tatsächlich nicht nachhaltig?

Die Qualität der berichteten Daten kann sich von Unternehmen zu Unternehmen sehr unterscheiden. Konzerne haben häufig ein umfassendes Berichtswesen, mit dem sie über ihre ESG-Leistungen Auskunft erstatten. Bei kleineren Unternehmen fehlen die Kapazitäten, um sich mit den Anforderungen an ESG-Reportings auseinanderzusetzen. Sie erhalten dadurch schon jetzt ein schlechteres Rating laut einer Studie der Privatbank Berenberg.

Erfahren die kleineren Unternehmen dadurch einen Wettbewerbsnachteil? Das wäre fatal. Denn meine Überzeugung ist: Durch Wettbewerb zwischen Unternehmen verschiedener Größe entsteht Innovation. Probleme unserer Zeit wie gerade die Umweltverschmutzung können nur mit Erfinder*innen gelöst werden.

Verbessert ein Aktienkurs das Konsumentenverhalten?

Wenn ich es moralisch schlecht finden würde, dass Menschen Alkohol trinken, habe ich bei der nachhaltigen ETFs die Möglichkeit, Alkohol als Branche auszuschließen. Selbst wenn die Aktienkurse von Heineken dadurch etwas runtergehen: Andere werden wohl noch weiterhin abends ein Bier trinken. Es wird Alkoholproduzenten geben, die dieses Bedürfnis bedienen. Das kann ich nicht verbieten.

Auch wenn ich nur noch auf CO2 neutrale Unternehmen setze, benötigen Schwellenländer weiterhin viel Kohle, um ihren Energiebedarf zu decken. Es wird sie nicht davon abhalten, Kohlekraftwerke zu bauen, weil die Kurse von anderen etwas zurückgegangen sind.

Haben Investoren Tech-Unternehmen wie Apple oder Facebook groß gemacht oder die Konsumenten?

Für mich liegt es auf der Hand: nicht die Investoren haben die größten Unternehmen nach Marktkapitalisierung so groß gemacht, sondern wir Konsumenten. Weil wir ein Profil bei Facebook oder Instagram haben, tragen wir zum Erfolg des Unternehmens bei. Sobald wir ein iPhone erwerben, erhöhen sich die Verkaufszahlen von Apple.

Die Frage, die sich hier vielmehr stellt, ist: Was kann ich stattdessen tun, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen?

Nachhaltiger Konsum und Lebensführung statt nachhaltiger ETFs

Der für mich einzige Weg ist eine nachhaltige Lebensführung und ein reduzierter Konsum, der auch manchmal Verzicht bedeutet. So spare ich Plastik, verschwende keine Lebensmittel und unterstütze nicht die Fleischindustrie. Durch meine täglichen Konsumentscheidungen habe ich eine Stimme, auf die Unternehmen hören. Das sind die Regeln des ersten Bereichs, die der Wirtschaft. Keiner möchte Kunden verlieren. Sogar in Kleinstädten sehe ich mehr und mehr Unverpackt-Läden. Einfach, weil der bewusste Verzicht auf Plastik vielen ein Anliegen ist. Die Lebensmittelproduzenten reagieren darauf.

Der Kapitalismus ist nicht perfekt, aber er hat die Lebensqualität der Menschen in Industrie- und Schwellenländern in den letzten Jahrzehnten erhöht, trotz oder gerade wegen dem fehlenden moralischen Anspruch. Einfach weil sich unser Wirtschaftssystem konzentriert auf den Willen des Konsumenten und einen gesunden Wettbewerb der Ideen.

Was meinst du dazu? Vielleicht hast du ein anderes Argument für nachhaltige ETF, das ich noch nicht beachtet habe. Mir ist klar, dass das Thema polarisiert. Über dein Kommentar freue ich mich.

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